Sei Bamboocha!

Manchmal, wenn ich nachmittags aufwache, nachdem ich am Abend im American Diner ein 600g Steak verdrückt habe und danach viel zu viel Bier und Schnaps gesoffen und ungefähr 80 Zigaretten geraucht habe, kommt es gelegentlich vor, dass ich den Drang verspüre, meinen Lebensstil zu ändern.
Ich stelle mir vor wie es wohl wäre, auf all den Alkohol zu verzichten, der Probleme ja sowieso nur temporar verschwinden und Frauen nur bis zum nächsten Erwachen attraktiver wirken lässt, und stattdessen nur noch natriumarmes, französisches Mineralwasser zu trinken, dass durch viele Tausend Jahre altes Vulkangestein gefiltert wurde und so rein und klar ist wie ein junger Frühlingsmorgen.
Ich stelle mir vor wie es wäre, mit dem Rauchen aufzuhören, und dem Nikotin Lebewohl zu sagen. Dem Nikotin, dass meine Blutgefäße und Arterien verstopft und verengt, dass meine Haut schneller altern lässt, mein Herzinfarktrisiko überproportional erhöht und den Menschen in meiner Umgebung erheblichen Schaden zufügt. Stattdessen könnte ich zuckerfreie Zahnpflegekaugummis kauen. Ich hätte gepflegte, strahlend weisse Zähne, ständig einen polarfrischen Atem und die durch das permanente Kauen angeregte Speichelbildung würde nervösen Frauen vor ihrem ersten Cunnilingus die Nervosität nehmen.
Ich stelle mir vor wie es wäre, vegetarisch zu Leben. Auf das Fleisch von getöteten Tieren zu verzichten. Von Tieren, die genauso Gottes Geschöpfe sind, wie wir selbst auch. Tiere, die ein Recht auf ein unbeschwertes Leben in freier Wildbahn haben, statt eng aneinandergepfercht und fett gemästet dem Stress eines internationalen Transports über Autobahnen ausgesetzt zu werden, nur um am Ende aus reiner Gier an Geld und Profit brutal getötet und zu Fleischbrötchen verarbeitet zu werden. Ich könnte mich von leckerem, knackigem Salat ernähren, der im Sommer ganz wunderbar erfrischend ist. Mein Cholesterinspiegel wäre überdurchschnittlich gut und mein Gewissen wäre rein.
An all das denke ich, während ich manchmal Sonntag nachmittags kotzend über dem Klo hänge. Ich würde Samstag Abends zeitig zu Bett gehen. Am Sonntag morgen früh aufstehen um ein reichhaltiges, gesundes Frühstück zu mir zu nehmen und danach eine grosse Runde im Stadtpark joggen zu gehen. Und nachmittags würde ich bei einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzen und Leo Tolstoi’s “Krieg und Frieden” lesen. Stattdessen hänge ich um 17 Uhr, nur mit einer Unterhose bekleidet, über dem Klo während mir Kotze aus der Nase läuft. Ausserdem schmerzt mein Knie, weil ich auf dem Weg zum Klo über eine leere Bierflasche gefallen bin.
Aber dann muss ich wieder an die alte Fanta Reklame denken. Die, mit den beiden dicken Hawaiianern. “Iss das Leben mit dem grossen Löffel”, hat einer der beiden immer grinsend in die Kamera gesagt. Und genau das tue ich. Denn irgendwann, wenn ich mal alt und grau und wahrscheinlich auch senil und von Parkinson gezeichnet bin, dann kann ich mich an ein wildes und aufregendes Leben zurückerinnern, falls ich mich dann noch erinnern kann. Ich kann mir sicher sein, dass ich alles mitgenommen habe, was das Leben mir zu bieten hatte, dass mein Glas immer halbvoll war und das ich keine Gelegenheit ausgelassen habe, jeden Moment bewusst zu genießen und auszukosten. Denn dafür ist das Leben da.
Und Tolstoi kann ich auch noch lesen, wenn ich 80 bin. Dann komme ich sowieso in keine Disko mehr. Um Fleisch zu kauen fehlen mir dann die Zähne und Zigaretten und Alkohol sind bis dahin entweder verboten oder so teuer, dass ich mir beides von meiner winzigen Rente sowieso nicht leisten kann. Private Altersvorsorge oder eine gute Krankenversicherung um sich ein Gebiss leisten zu können? Quatsch! Um sich darum zu kümmern, fehlte mir damals immer die Zeit. Ich war entweder besoffen oder lag auf der Couch im Koma.