Bleib doch noch liegen.

Gerade eben hat man noch seine verschwitzen Körper aneinander gerieben, diverse Flüssigkeiten ausgetauscht und sich gegenseitig entweder die ewige Liebe geschworen oder, je nach Gesinnung, in übelster Fäkalsprache beschimpft. Dann, der Höhepunkt. Der eine grunzt, die andere jauchzt. Man ruft nach Gott, man wird als Schlampe beschimpft oder als Schatz eng umklammert. Fingernägel reissen tiefe Furchen in den Rücken, der kleine Zeh kribbelt, Kissen fliegen, ein kleines Zucken saust durch den Körper. Was auch immer ihr beim Orgasmus anstellt oder erlebt. Irgendwann jedenfalls ist es vorbei.
Und dann? Tja, dann liegt man da. Nebeneinander, aufeinander, einer vom anderen absteigend, wie auch immer. Im guten alten, züchtigen Hollywoodfilm rollt sich jetzt jeder zurück in seine Betthälfte, wobei die Frau immer penibel darauf achtet, mit der Bettdecke ihre Brüste zu bedecken, und unterhält sich über romantischen Scheiss. Offensichtlich werden Frauen in Hollywood nicht feucht und Männer spritzen nie ab, denn die Sauerei hinterher wird hier immer wunderbar ausgeblendet. Keine feuchten Stellen auf dem Laken, keine auf’s Klo flitzenden Frauen, denen die Suppe auf dem Weg in die Dusche die Beine herunterläuft. Keine Männer, die ihren glitschigen Schwanz an den weiblichen Innenschenkeln oder der Unterhose vom Vortag abstreifen und trockenrubbeln. Kein Herunterfummeln und Entsorgen von randvoll gepumpten Kondomen (Natürlich in den Hausmüll und nicht in die Toilette, liebe Kinder!) und schon gar keine Scheidenfürze oder andere seltsame Körpergeräusche. Hier geht alles perfekt, sauber, hygienisch und ohne den Hauch eines peinlichen Moments über die Bühne.
Aber lassen wir Hollywood Hollywood sein und denken wir lieber wieder an uns. Wie wir da nun liegen, nachdem die Frau sich im Bad entleert und der Mann seine möglichen zukünftigen Rentenzahler mit einer Sportsocke von seinem besten Stück gewischt hat. Ausgelaugt, ausgepowert. Nix mehr mit Romantik. Nichts mehr zu spüren von prickelnder Erotik. Die Teelichter sind heruntergebrannt, “It must have been Love” von Roxette, oder wahlweise auch “Closer” von NIN dudelt zum gefühlt 300sten Mal aus den Boxen der Anlage und der Hund, die Katzen oder das Baby jaulen, maunzen oder kreischen nach Zuneigung und Futter. Vielleicht ist es aber auch schon ziemlich spät geworden und die Ernüchterung dass in viel zu wenigen Stunden bereits wieder der Wecker klingelt und die Arbeit ruft, ein Gedanke, der bis gerade eben noch von unfassbarer Geilheit in nie erforschte Bereiche des Gehirns verschoben wurde, kommt langsam aber sicher zum Vorschein. Vielleicht ist es aber auch schon morgens und die kleine Nummer vor dem Frühstück hat soviel Zeit gekostet, dass eben genanntes jetzt leider ausfallen und die Fahrt zur Arbeit heute mal ohne die Benutzung der Bremsen im Auto erfolgen muss. Zum Schluss wäre da noch die Möglichkeit, dass man sich gar auf einen spontanen One-Night-Stand eingelassen hat, sich nun in einer fremden Wohnung in einer fremden Stadt befindet, das Ganze plötzlich ziemlich bereut (zumindest, wenn man eine Frau ist) und jetzt eigentlich nur noch so schnell und unspektakulär wie möglich das Weite suchen will.
Egal, wie die Ausgangssituation auch ist: Nach dem Sex kommt mit dem Gefühl der Befriedigung auch immer eine gewisse Ernüchterung. Entweder darüber, dass es schon wieder vorbei ist oder aus einem der oben genannten Gründe. Schade eigentlich, dass etwas so aufregendes so schnell wieder in Vergessenheit gerät und nach hinten geschoben wird um Platz für andere Gedanken zu machen.
Vielleicht sollte man es viel öfter mal wie die Jungs und Mädels im Film machen. Einfach mal liegen bleiben. Drauf geschissen, ob’s die Laken einsaut. Egal, ob das Zeug am Körper antrocknet und die Bein-, Scham- oder gar Kopfbehaarung verklebt. Duschen und Waschen kann man hinterher immer noch. Die Zigarette danach kann man auch noch in 2 Stunden rauchen. Jetzt gerade eben hat man mit einem Menschen, der einem in irgend einer Weise etwas bedeutet, sei es nun Liebe oder Zuneigung oder einfach nur die Tatsache, dass er den ganzen Abend Getränke und das Taxi nach Hause spendiert hat, die innigste Art und Weise erlebt, in der zwei Menschen sich nahe kommen können. Und auch, wenn man das schon hunderte Male gemacht hat, so ist es doch jedes Mal etwas besonderes und so sollte es auch danach noch genug Zeit geben, das eben Erlebte auf sich wirken zu lassen. Auf welche Weise auch immer.